Man muß auch Mut zur Lücke haben.


Neulich wollte ich, unbeschadet meiner politischen Ansichten, rechts abbiegen. Zu diesem Unterfangen mußte ich allerdings erst einmal links in die Straße einfahren, von der aus ich schließlich rechts abbiegen wollte, denn ich war an der Tankstelle. Schön blöd, zur Hauptstoßzeit. Daran lag es auch, daß die Straße, in die ich einzufahren gedachte, stark befahren war, vor allem die Rechtsabbiegerspur. Bezie- hungsweise stark bestanden, denn vorne war die Ampel auf „rot“. Aber ich bin ja ein kleiner Pfiffikus; ehe ich Ewigkeiten in der Ausfahrt der Tankstelle wartete, daß sich mir eine Lücke böte, um unmittelbar auf die Abbiegespur einzufahren, fuhr ich einfach auf die gänzlich vernachlässigte Geradeausspur, um überhaupt erst mal im Geschäft zu sein.

Ich fuhr also an den Abbiegewilligen vorbei bis zu einem Mercedes 200 – so ein mittelalter aus den 90ern –, der vor sich eine extrem große Lücke gelassen hatte. Ich blinkte und stieß in diese Lücke. Das war wirklich ein Prachtexemplar von einer Lücke, groß wie ein Haushaltsloch, nichts, wo man mühevoll hätte rückwärts einparken müssen; sondern ich konnte bequem einscheren, stand gerade und hatte ausreichend Platz zum Vordermann. Zum Hintermann sowieso, wie sich jeder denken kann, der schon mal Auto gefahren ist.

Dennoch hupt es hinter mir. Und im Spiegel sehe ich, wie sich der Fahrer des Mercedes im Gestikulieren gefällt. Ich denke: „Na, was hat er denn?“ und wende mich der vorne auf „rot“ stehenden Ampel zu, des grünen Lichts gewärtig. Doch dann bemerke ich aus dem Augenwinkel im Außenspiegel, daß der Mercedesfahrer hinter mir sich gar bemüßigt gefühlt hat, auszusteigen, und sich meinem Gölfchen nähert. Ich bin gespannt, was jetzt kommt, und öffne die Tür.

Der Mann, kaum älter als ich, vielleicht sogar jünger, einen blauen Pollunder tragend, bemüht sich nicht um eine höfliche Begrüßung, sondern poltert gleich los, einigermaßen wörtlich:
„Was fällt Ihnen ein! Sehen Sie nicht, daß ich hier stehe? Wo haben Sie denn Ihren Führerschein gemacht, junger Mann?“

Ich habe weder ein schlechtes Gewissen noch schlechte Laune, also frage ich freundlich zurück:
„Wo ist das Problem? Da war eine Lücke, es war genug Platz, also…?“

Mein ..äh.. Gegner.. brummelt, indem er sich schon wieder abwendet, denn die Ampel kann ja jeden Augenblick auf „grün“ springen:
„Da war ne Lücke… Es war genug Platz… Spinner.“

Dann wird die Ampel tatsächlich grün, alle biegen vorschriftsmäßig rechts ab. Weil ich ahne, was jetzt kommen wird, halte ich vorsorglich Abstand zu meinem Vordermann. Und tatsächlich: Ich höre den Mercedes kräftig Gas geben, sehe ihn mich überholen und knapp vor mir auf die rechts abzweigende Ausfahrt zur Bundesstraße kreuzen. Na gut, hat er’s mir gezeigt.

Ich weiß bloß nicht, was eigentlich. Wahrscheinlich nur, daß er einen Scheißtag hatte.

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